Ein Kubus mit Himmelsleiter

Entdeckungsreise Bauhaus-Museum Weimar

Es ist einer der modernsten Museumsneubauten in Deutschland und mit fast 268.000 Besuchern 2019 (in 9 Monaten) inzwischen das meistbesuchte Museum in Weimar. Und es sticht hervor mit einer ganz besonderen Architektur, die nicht nur die Weimarer, sondern auch die Medien und Gäste aus aller Welt bewegt. Aber wenn man dann einmal direkt davorsteht, denkt man sich: Es ist simpel und quadratisch. So war das Bauhaus. Ein bisschen wie IKEA. Aber ist das wirklich so gewesen? 

Form follows function

Das Neue Bauhaus-Museum Weimar ist ein beeindruckender Kubus, der sich in das neue „Quartier der Moderne“ hier in dem Umfeld zwischen Weimarer Innenstadt und Bahnhofsviertel eigentlich sogar ganz gut einreiht. Fast ohne Fenster und Türen kommt das Gebäude aus – denn funktional muss es natürlich sein. Ein Museumsbau stellt besondere Forderungen an die Architektur. Aber dieser liebenswerte graue „Betonwürfel“ gewinnt durchaus an Leichtigkeit. Nachts, wenn filigrane LED-Streifen hell an der Außenwand glimmen. Und tagsüber, sobald man durch das übergroße Glasportal den Eingangsbereich betritt. Hell und großzügig ist das Foyer angelegt. Der Blick öffnet sich nach oben in übergreifende, doppelte Geschosse und geradeaus – hin zu einem modernen Empfangsbereich, in dem sich die Besucher auch mittels großer Monitore zügig orientieren und sich schnell verteilen können. Am hinteren Ende überrascht sogar ein großer Lichtausschnitt mit dem Blick ins Grüne.

Bauhaus-Museum Weimar am Abend ©Thomas Müller, Klassik Stiftung Weimar

Exponate von Weltrang

Durch das Gebäude und die vielfältigen Ausstellungen auf drei Etagen führt die Weimar+ App, die sich jeder Gast unkompliziert und schnell auf sein Handy laden kann und auch eine bildhaft erklärte Führung für Menschen mit Sehbehinderung enthält. Auf insgesamt 2.250 m² soll Gropius Frage: „Wie wollen wir zusammenleben?“ beantwortet werden. Dabei erkundet jeder Besucher die Ausstellung individuell. Man sieht herausragende Exponate wie die bunte Keler-Wiege oder den schicken Barcelona Chair von Mies van de Rohe. Etwa 13.000 Ausstellungsstücke umfasst die Bauhaus-Sammlung der Klassik Stiftung Weimar heute. Von der Wagenfeld-Lampe über zu Breuers Holzlattenstuhl bis hin zu den Kandinsky-Gemälden wird eindrucksvoll, multi-medial und durchaus spielerisch-abstrakt immer wieder der Bezug zum heutigen Leben vermittelt.


Peter Keler, Kinderwiege (1922) im Bauhaus-Museum Weimar ©Alexander Burzik, Klassik Stiftung Weimar

Eintauchen: Unterwegs mit der App Weimar+

Die luftigen Durchblicke zwischen den Etagen und einzelnen Bereichen unterstützen dabei die Idee, das Bauhaus nicht chronologisch, sondern thematisch zu erzählen. Und so wandert der Besucher mit dem Handy-Guide direkt am Ohr von „Insel zu Insel“. Man kann eintauchen und frei entdecken, beginnend beim „Experiment“ über „Der neue Mensch“, „Bühne“ und „Neuer Alltag“ bis zum Bereich „Was bleibt?“. Das Obergeschoss bietet den drei Bauhaus-Direktoren Gropius, Mies und Meyer ein modernes Forum. Multimedia-Stationen zeigen auf allen Etagen die überraschende Vielfalt des Bauhauses, laden zu sinnlichen Erlebnissen ein. Laufschrift, Zitate und Plakate zum Mitnehmen fordern zum Nachdenken und dem Diskurs mit der Gegenwart auf. 

Schiffbauspiel von Alma Siedhoff-Buscher im Bauhaus-Museum Weimar ©Candy Welz, Klassik Stiftung Weimar

Wie in einer anderen Welt

Es sind viele Eindrücke, die so beim Gast entstehen. Manchmal recht kühl & abstrakt, manchmal überaus menschlich & emotional – ist das, was man hier in diesem Museum so hautnah erlebt. Wie in einem großen, zeitübergreifenden Bauhaus-Experiment. Man schwebt zwischen den Welten von damals und heute und lernt immer wieder etwas Neues kennen. Das Bauhaus hat viele Facetten. Manches gefällt einem, anderes gar nicht. Man möchte so gern mittanzen auf dieser großen virtuellen Bühne, die form-schönen Türklinken einfach mal nacheinander runterdrücken oder mit Leinwand & Pinsel die Kirchen aus Feiningers Gemälden nachzeichnen… Tipp: Es gibt sogar einen Ausstellungsteil in der 2. Etage, wo man die unterschiedlichen Stühle (Nachbauten) von Breuer und Co. testen und probesitzen kann.

Einblick in das Café Kunstpause ©Stephan Consemüller, Klassik Stiftung Weimar/Bauhaus-Museum Weimar, Dauerleihgabe Privatbesitz, Berlin, mit freundlicher Genehmigung von Wulf Herzogenrath, CLAUS BACH ® PHOTOGRAPHY

Über die beeindruckende „Himmelsleiter“ schwebt der Gast am Ende der faszinierenden Ausstellungswelten zurück bis nach unten ins Erdgeschoss. Man legt den Handy-Guide zurück in die Tasche und taucht wieder auf aus seiner eigenen kleinen Bauhaus-Gedankenwelt. Wie ein Vogel, der nach einem weiten Flug sanft und sicher auf der grünen Wiese landet. Und wenn man anschließend im kleinen Café Kunstpause sitzt, sich mit einer Tasse Kaffee und einem Stücken Kuchen stärkt und auf das Menschentreiben im Weimarhallen-Park blickt oder gedämpft der Unterhaltung am Nachbartisch lauscht, dann ist man selbst auch wieder angekommen in der pulsierenden, realistischen Gegenwart seines eigenen Lebens. 

 

Ein Erlebnis für Alle

Personen mit einer Seh-Einschränkung erleben die Ausstellung im Bauhaus-Museum durch Tastmodelle und SitOns, historische Möbel zum Probesitzen, angemeldete Blindenführungen oder mithilfe der App der Klassik Stiftung Weimar und einer darin enthaltenen Führung mit Audiodeskription. Ebenfalls mit der App kann das Haus über barrierefreie Rundgänge in einfacher oder kindgerechter Sprache erkundet werden. Für Menschen mit Geheinschränkungen oder im Rollstuhl ist die komplette Ausstellung eigenständig erlebbar. Rollstuhl oder Rollator sind am Empfang ausleihbar und über einen Aufzug kann jedes Stockwerk erreicht werden. Das Museum hat sich dem Prinzip des Designs für Alle verschrieben, um allen Besucherinnen und Besuchern die Möglichkeit zu geben, die Moderne rund um das Bauhaus zu entdecken.

Headerbild ©Dominik Saure, Thüringer Tourismus GmbH

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